Verein registrieren

Biodiversität als Versicherung: Konjunkturpakete an langfristigen Naturschutzzielen ausrichten. Ein Blog zum Corona-Nachhaltigkeitskompass von Jasper Meya

Die Corona-Pandemie erinnert uns daran, wie verwundbar moderne Gesellschaften durch ihren Umgang mit der Natur geworden sind. Gleichzeitig haben viele Menschen während des Lockdowns die Natur als Quelle der Erholung erlebt.

Dieser Blog ist von der Corona-Nachhaltigkeitskompass Initiative.

Das Internationaler Tag der biologischen Vielfalt, Mai begangen wird, erinnert uns daran, dass 2020 ein entscheidender Meilenstein für den weltweiten Schutz der biologischen Vielfalt ist. Um diese Chance zu nutzen, sollten Konjunkturprogramme den Wert der Biodiversität systematisch berücksichtigen und einen naturverträglichen Entwicklungspfad einleiten.

Die menschengemachte Entleerung der Welt

Die Menschheit leert die natürliche Welt. 25 % aller Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht (IPBES 2019). 75 % der globalen Feuchtgebiete sind bereits verloren gegangen (IPBES 2019). Weltweit sind Insekten an Land in den letzten 24 Jahren um 30 % zurückgegangen (Van Klink 2020). In Deutschland sind einst weit verbreitete Vogelarten der Agrarlandschaft, wie der Kiebitz, in den letzten 90 Jahren um fast 24 % zurückgegangen (Gerlach al. 2019).

Das Superjahr der Biodiversität

2020 ist ein entscheidendes politisches Jahr dafür, ob die Menschheit die Biodiversitätskurve krümmen wird. Im Herbst wollten die Staats- und Regierungschefs im chinesischen Kunmings neue globale Biodiversitätsziele für 2030 festlegen, die den Weg bereiten sollen, um die erklärte Vision der Biodiversitätskonvention zu erfüllen, im Jahr 2050 im Einklang mit der Natur zu leben (CBD 2020). Die EU-Kommission hat eine neue EU-Biodiversitätsstrategie als Kernbestandteil des Green Deal angekündigt.

Allerdings fehlte es dem Naturschutz in der Vergangenheit nicht an guten politischen Zielen, sondern an deren effektiver Umsetzung und insbesondere an den notwendigen finanziellen Mitteln. Trotz ambitionierter globaler Naturschutzziele für 2020 (sog Aichi-Ziele) hat sich der Gesamtzustand der globalen Biodiversität weiter verschlechtert. In Deutschland und der EU sei der Naturschutz „eklatant unterfinanziert“ (SRU 2017). Der weitreichende strukturelle, transformative Wandel, der erforderlich ist, um den Trend des Rückgangs der biologischen Vielfalt umzukehren (IPBES 2019) erfordert enorme öffentliche Ausgaben. Dementsprechend erinnert der Entwurf nullter Ordnung für globale Biodiversitätsziele nach 2020 die Staaten daran, angemessene finanzielle Ressourcen für die Umsetzung bereitzustellen (CBD 2020).

Artenschutz als Versicherung

Der sich beschleunigende Wandel der Biodiversität ist ein wirtschaftliches Risiko. Mit der Verschlechterung der Ökosysteme nimmt die überwiegende Mehrheit der Beiträge der Natur zum menschlichen Wohlergehen ab (IPBES 2019). Während der Wert von Binnenmarktgütern wie land- und forstwirtschaftlichen Produkten seit 1970 gestiegen ist, sind öffentliche Güter wie Bodenqualität und Vielfalt bestäubender Insekten zurückgegangen. Auf dem Weltwirtschaftsforum 2020 in Davos identifizierten die Teilnehmer den Verlust der Biodiversität und die Degradation von Ökosystemen als eines der fünf größten Risiken für die Weltwirtschaft im kommenden Jahrzehnt (WEF 2020).

Die massive Ausbeutung der Natur ist weder nachhaltig noch wirtschaftlich effizient. Ökosysteme stellen Vermögenswerte dar („Naturkapital“), die je nach Zustand zum menschlichen Wohlergehen beitragen. Als Folge des globalen Wirtschaftswachstums ist Naturkapital im Verhältnis zum produzierten Kapital in den letzten Jahrzehnten immer knapper geworden. Viele Güter und Dienstleistungen aus der Natur werden schneller verbraucht, als sich Ökosysteme regenerieren. Ein neuer, von der britischen Regierung in Auftrag gegebener Zwischenbericht zeigt, dass die Regenerationsrate (oder gleichwertig: die eigene Rendite) des Naturkapitals höher ist als die Rendite des produzierten Kapitals (Dasgupta Rückblick 2020). Aus ökonomischer Sicht markiert die anhaltende Akkumulation von produziertem Kapital auf Kosten von Naturkapital – getrieben durch unvollständige Märkte und private Profite – eine starke gesellschaftliche Misswirtschaft des Kapitalstocks (Dasgupta Rückblick 2020). Mit anderen Worten, Investitionen in Naturkapital durch Erhaltung der Natur sind derzeit gut angelegtes Geld.

Biodiversität trägt zur Stabilität von Ökosystemen bei und sichert dadurch die Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen aus Naturkapital. Geld für den Erhalt der Biodiversität auszugeben ist somit ein Beitrag zu einer natürlichen Versicherung (vgl. Augeraud-Véron et al. 2019;  Quaaset al. 2019). Die dramatischen wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie zeigen, wie sehr sich Naturschutz als Krisenprävention auszahlen kann. Das Risiko einer Virusübertragung von Wildtieren auf den Menschen nimmt tendenziell zu, je weiter der Mensch in die Natur eingreift, Ökosysteme aus dem Gleichgewicht bringt und mehrere Individuen einer Art auf engstem Raum leben (BMU2020IPBES 2020). Vor dem Hintergrund des Klimawandels wird die Biodiversität von Ökosystemen noch wichtiger für ihre Stabilität und Leistungsfähigkeit.

Transformativer Wandel und Steuerreform

Die in diesen Tagen diskutierten Konjunkturpakete könnten ein Sprungbrett sein, um Ökosysteme und Biodiversität wiederherzustellen, bestehende Naturschutzgesetze umzusetzen und bewirtschaftete Ökosysteme an den Klimawandel anzupassen. Ökonomische Effizienz erfordert die systematische Berücksichtigung des Werts der Biodiversität für Gesellschaft und Wirtschaft bei öffentlichen Investitionsentscheidungen in anderen Sektoren (z Aichi-Ziele bereits erforderlich). Um die globalen Biodiversitätsziele 2030 zu erreichen, wird es entscheidend sein, die heutigen langfristigen Investitionen an Naturschutzkriterien zu koppeln.

Der hohen öffentlichen Kreditaufnahme wird eine neue Debatte über öffentliche Steuern und Ausgaben folgen. Dies könnte ein Zeitfenster für Steuerreformen öffnen, um Biodiversitätswerte systematisch in die private Entscheidungsfindung zu integrieren, indem biodiversitätsschädigendes Verhalten bepreist und die Bereitstellung biodiversitätsbezogener öffentlicher Güter finanziell belohnt wird. Eckpfeiler einer solchen Biodiversitätssteuerreform könnten sein: (i) die Preisgestaltung von Pestiziden und chemischen Düngemitteln; (ii) ein ökologisches Finanztransfersystem zwischen Gerichtsbarkeiten; und (iii) die Vergabe öffentlicher Gelder in naturschutzrelevanten Sektoren wie Forst- und Agrarpolitik ausschließlich für öffentliche (Ökosystem-)Leistungen.


Dr. Jasper Meya ist Umweltökonom und arbeitet als Senior Researcher am Lehrstuhl Biodiversitätsökonomie des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) und der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig. In seiner Forschung untersucht er, wie man ökonomische Ungleichheiten in der Umweltpolitik berücksichtigt oder wie man den wirtschaftlichen Wert von Biodiversität und Naturkapital misst. Er ist mitwirkender Autor für die Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES).


Photo by Ana Martinuzzi on Unsplash

Zum Inhalt